Benjamin Wiater
BLUTSFREUNDE
© 2026 Gmeiner-Verlag GmbH
LESEPROBE
1 Damals
Meine Jugend endete, als ich 15 war. Es war der Sommer der großen Hitze, des bleichen Himmels, des blendenden Lichts und der harten Schatten, der Sommer des stacheligen Grases, der verdorrten Büsche und der stummen Vögel, der Sommer der verbrannten Haut, der Sonnenstiche und des kochenden Blutes.
»Ein irrer Psychokiller, klar!«, sagte ich. »Der würde hier doch eingehen. Nach zwei Tagen würde der sich vor Langeweile selbst allemachen.«
Wir hingen an der Endhaltestelle ab. Es war nicht der coolste Platz. Aber an coolen Plätzen hatte Audorf nicht viel zu bieten und dieser war nicht übel. Der Kiosk versorgte uns mit Cola und gemischten Tüten. Der Zigarettenautomat spuckte für fünf Mark Kippen aus, ohne nach dem Perso zu fragen. Aus dem roten Zeitungskasten konnten wir den Blitz ziehen, um über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu bleiben, und in der gelben Telefonzelle konnten wir Anrufe erledigen, falls wir dem Rest der Republik etwas Dringendes mitzuteilen hatten.
»Du mit deinem Mördermüll«, fuhr ich fort. »Den will keiner mehr hören.«
Ich saß auf einer Bank neben dem Fahrplan, schwitzte mein Bulls-Trikot durch und versuchte, meinen Basketball auf dem Finger zu drehen. Bis zum Ende des Sommers wollte ich es draufhaben. Die Straßenbahn, die mit offenen Türen auf dem Gleis stand, gab manchmal ein Schnaufen von sich, als stöhnte sie über die Saunaluft. Hinter ihren zerkratzten Scheiben klebten ein paar Gestalten an den Plastiksitzen. Sonst war nichts los. Die Leitungen über den Schienen summten. Aus dem Radio im Büdchen dudelten Fetzen der neuesten Charthits zu uns herüber.
»Wo soll die sonst sein?«, fragte Meike. Sie schnalzte mit ihrem Hubba Bubba, während sie in Ärzte-T-Shirt, abgeschnittenen Jeans und Doc Martens vor der Bank auf und ab tigerte. Bei dem Wust brauner Locken,
die sich auf ihrem Kopf kringelten, musste ich an ein Gewirr aus Telefonkabeln denken. »Ich sag euch, die hat ins Gras gebissen.«
»Und ich sag: Schwachsinn!«, gab ich zurück. Meike schnappte mir den Ball weg. »Hey!«, rief ich. Für stärkeren Protest war es zu heiß. Die Bank glühte unter meinen Trainingsshorts, als hätte ich meinen Arsch auf einen Grillrost gepflanzt. Wir atmeten den Geruch von warmem Staub und trockenem Asphalt. Bloß rumsitzen war schon kaum zu ertragen. Nur Meike hielt nicht mal bei Saharaklima still.
»Sieh es ein, David!« Sie dribbelte. Der Ball knallte auf den Boden wie ein Presslufthammer. »Die hat einer über den Jordan geschickt und zerstückelt. Dann ist er mit dem Tretboot über den Entenweiher und hat die Leichenteile versenkt.«
»Du glotzt zu viele Filme.« Sie wagte sich zu nah ran. Ich nahm ihr den Ball ab. »Foul!«, schrie Meike. »Sauberer Steal.« Der Blitz lag aufgeschlagen neben mir. Über Ninas Foto prangte die Schlagzeile VERZWEIFELTE SUCHE NACH VERMISSTEM MÄDCHEN GEHT WEITER – Immer noch keine Spur!
»Du glaubst den Scheiß auch nicht, oder, Lars?« Ich schob meine Brille hoch, die auf meiner schweißfeuchten Nase immer wieder nach unten rutschte. »Dass hier ein Freak rumläuft wie aus Scream?«
»Kein Peil, Alter.«
Lars hockte auf der Rückenlehne der Bank, saugte lässig an seiner Zigarette und warf mir unter dem Schirm seiner Baseballkappe einen Seitenblick zu. Gemächlich ließ er den Rauch entweichen. »Kann sein, dass sie einer um die Ecke gebracht hat. Oder sie hat sich selbst gehimmelt.«
Meike pustete sich eine Locke aus dem Gesicht. »Ach was. Prinzessin Edelrotz würde sich kein Haar krümmen. Was sagst du, Simon?«
»Dazu habe ich keine Meinung.« Simon hielt sich in dem schmalen Schatten auf, den der Fahrplankasten warf. Wegen seiner hellen, mit Sommersprossen gesprenkelten Haut bekam er leicht Sonnenbrand. Das gebügelte Poloshirt in die helle Leinenhose gesteckt, das rotblonde Haar sauber gescheitelt – wie üblich sah er aus, als wollte er zu einem Vorstellungsgespräch. »Wir wissen zu wenig. Spekulationen führen zu nichts.«
Meike verdrehte die Augen. »Langweiler.«
Lars schwenkte seine Kippe. Der Rauch zeichnete Kringel in die Luft. »Vielleicht hat sie sich einer gekrallt und in seinen Keller gesperrt. Die Frankes haben Kohle.«
»Stimmt«, sagte Meike. »Bei denen trudelt bestimmt bald ein Erpresserbrief ein, mit ausgeschnittenen Buchstaben.«
Die Straßenbahn schloss ihre Türen und fuhr mit einem Klingeln ab. Bis zur nächsten Station verliefen die Schienen schnurgerade neben dem Heideweg, der sie von den Feldern trennte. Auf dem Acker schufteten die Bauern mit ihren Erntehelfern. Verstreute Spaziergänger schleppten sich durch den Freiluftofen. Die Bahn hielt am Grünen Hain, links von ihr die Neubausiedlung, rechts das Waldstück vor der Brache. Das Klingeln ertönte ein weiteres Mal, gerade noch hörbar. Kurz darauf verschwand die Bahn hinter der Biegung, die sie aus Audorf rausführte. Obwohl es bis Köln keine halbe Stunde war, schien der Ort in seiner Schläfrigkeit ewig weit von der Großstadt entfernt.
»Ihr spinnt«, sagte ich. »Ich wette, sie ist abgehauen, weil sie die Schnauze voll hatte vom Dorf und den Spießern.«
»Pff«, stieß Meike aus. »Die ist die größte Spießerin von allen. Mega Stock im Arsch.«
Ich fuhr mit den Fingern über den Basketball wie über einen Globus, die schwarzen Linien auf dem roten Gummi Längen- und Breitengrade. »Sie liegt garantiert irgendwo in der Sonne, an der Riviera auf einer Jacht, am Strand von Acapulco mit einer Margarita oder in ...« Kalifornien, dachte ich.
Der Pazifik. Highways nach überall. Grenzenlose Freiheit. Ich merkte kaum, wie Meike mir den Ball aus den Händen schlug. Nina lächelte auf dem Zeitungsfoto. Ihr Gesicht, von goldblonden Haaren gerahmt, schien mich aufzufordern, ihr zu folgen, sie zu finden ...
Wütendes Gebell schallte durch die Luft. Meike hielt den Ball fest. Lars spähte durch die Rauchwolke, die vor ihm auseinanderwaberte. Simon fasste seinen obersten Shirtknopf, seine übliche Reaktion, wenn ihn etwas aus dem Konzept brachte. Ich rückte meine Brille zurecht.
Auf dem Heideweg lieferte sich die Krapp – ihre knallrote Dauerwelle leuchtend wie eine Fackel – ein Tauziehen mit Happy. Kläffend zerrte der Schäferhund an seiner Leine. Sie rettete Rüdiger Barlach den Hintern. Audorfs Trödelhändler war mit seinem Fahrrad auf Tour. Bei Menschenfleisch in Beißreichweite tickte Happy natürlich aus. Barlach riss den Lenker herum. Er wäre gefallen, hätte sein Anhänger ihn nicht stabilisiert. So entkam er Happy in weitem Schlenker und beeilte sich, den Abstand zu vergrößern.
»Das wär’s fast für ihn gewesen«, meinte ich.
Meike klemmte sich den Ball unter den Arm. »Mit dem hätte sich Happy den Bauch vollschlagen können.«
In der Hitze verlor sogar Audorfs Cujo für Arme die Lust, Barlach hinterherzujagen. Er schickte ihm ein letztes Bellen nach und trottete hechelnd bei Fuß. Statt Trödlerschinken fütterte sein Frauchen ihm Leckerli.
»Irgendwann bekommt sie eine Anzeige«, sagte Simon.
»Wenn Happy echt mal wen anfällt«, sagte Lars, »wird er eingeschläfert.«
»Nur eine Frage der Zeit«, meinte ich.
Die Spaziergänger fielen zurück in die Rammdösigkeit, aus der die Einlage sie gerissen hatte. Die Bauern trieben ihre Helfer wieder zur Arbeit an. Die Krapp zockelte mit ihrer Töle Richtung Grüner Hain. Barlach schaute mehrmals über die Schulter. Mit seinen drei Zentnern bewegte er sich auf dem Drahtesel normalerweise im Schneckentempo fort. Jetzt strampelte er auf die Endhaltestelle zu, als sei ihm der Leibhaftige auf den Fersen.
»Der gibt richtig Stoff«, sagte ich.
Meike schirmte ihre Augen mit der Hand ab. »Happy kann ihm nichts mehr. Was hat der es so eilig?«
»Wahrscheinlich hat er fette Beute gemacht«, meinte ich. »Ein schrottreifes Bügeleisen oder so. Das will er in Sicherheit bringen.«
Barlachs Gebrauchthandel in Audorfs Einkaufszone war vollgestopft mit alten Radios, Fernsehern und Videorekordern, Herden und Spülmaschinen, Lampen und Möbeln. Das Zeug stammte von Flohmärkten oder aus Haushaltsauflösungen oder die Leute schleppten es bei ihm an, wenn sie ihren Keller oder Dachboden ausmisteten. Hin und wieder stattete Barlach der Brache einen Besuch ab. Im Laufe der Jahre war das überwucherte Gelände zu einem Abladeplatz für sämtlichen Kram geworden, den die Audorfer loswerden wollten. Das meiste war so kaputt, dass nicht mal Barlach etwas damit anfangen konnte. Heute legte ein weißer Kasten seinen Anhänger tief.
»Dafür wird der nicht zur Sportskanone.« Lars stippte die Asche ab. »Erst recht nicht bei der Affenhitze.«
Barlach hatte es auf Höhe des Fahrplans geschafft. Bei jedem Tritt in die Pedale schaukelte sein Bauch in dem nassgeschwitzten Unterhemd hin und her, auf dem Erd- und Grasflecken prangten. Er gab weiter alles, obwohl er kurz davor war, aus dem Sattel zu kippen. Die Waschmaschine, die auf dem Anhänger festgezurrt war, machte es ihm nicht leichter.
»Gut so, Herr Barlach«, rief ich. »Nur noch eine Million Kalorien bis zur Bikinifigur. Die Oberweite haben Sie ja schon.«
Meikes Lachen verbreitete künstlichen Kirschduft. Lars grinste dieses verschmitzte Grinsen zwischen beneidenswert frühem Bartwuchs, bei dem Mädchen dahinschmolzen, sogar ältere. Simon, kein Fan meines feinsinnigen Humors, runzelte die Stirn. Barlach wusste meine Anfeuerung ebenso wenig zu schätzen.
»Halt die Schnauze, Junge!«, sagte er schnaufend. »Sonst setzt es was. Und du, Mädchen, lach nicht so bescheuert wie eine Irre. Wobei, das passt ja.«
Der Ball fiel Meike runter, titschte zweimal auf und rollte unter die Bank. Ein Gurgeln drang aus ihrem Mund, als hätte Barlach ihr die Kehle zerquetscht. Wir konnten uns die übelsten Beleidigungen an den Kopf werfen, solange ich Meike nicht »verrückt«, »geisteskrank« oder »irre« nannte. Dass ein Penner wie Barlach das wagte, ging gar nicht.
»Solche Unflätigkeiten gehören sich nicht«, sagte Simon.
Wir waren alle 15, lagen wenige Monate auseinander. Simon wirkte älter, nicht nur wegen seiner Kleidung. Es war, als würde man in meinem Gesicht, in Meikes und, trotz seines Barts, auch in dem von Lars die Kinder erkennen, die wir bis vor Kurzem gewesen waren. In Simons zeichnete sich der verantwortungsbewusste Erwachsene ab, der er einmal sein würde oder innerlich vielleicht längst war.
»Haben Sie keinen Anstand?« Durch seine Erscheinung und gestelzte Ausdrucksweise nahmen die Leute ihn eher ernst. Ich hatte sogar schon erlebt, dass jemand ihn mit »Herr Jansen« angesprochen hatte.
Barlach erwies ihm diesen Respekt nicht. »Zieh Leine, Streberleiche!«
Meike schlang die Arme um ihren Oberkörper. Ich stieß mich von der Bank ab und stellte mich neben sie. Der Anhänger rumpelte an uns vorbei.
»Fetter Wichser!«, rief ich.
Barlach zog die Bremsen bis zum Anschlag. Ich hatte mal wieder das Maul zu weit aufgerissen. Jetzt würde ich die Quittung dafür kassieren. Ich würde nicht wegrennen und Meike im Stich lassen. Sollte er kommen! Barlach wälzte sich vom Rad. Ich wappnete mich für seinen Angriff – und atmete auf, als er zum Kiosk stürzte. Nicht, um die zig Liter Wasser, die er ausgeschwitzt hatte, aufzufüllen. Die Mertens stellte ihm einen Kabänes hin. Barlach fummelte den Schraubverschluss auf und kippte sich den Kräuterschnaps in den Hals. Er knallte das braune Fläschchen auf den Tresen, beugte sich in das Verkaufsfenster und redete auf die Mertens ein. Dabei gestikulierte er zum Grünen Hain.
Lars stieg von der Lehne. Kippe im Mundwinkel, die obersten Knöpfe seines weiten Hemds offen, schlenderte er zu uns. Die Zigarettenpackung beulte die Tasche seiner Cargoshorts aus, in der außerdem Blättchen und
ein Tütchen Gras steckten. Kippen, Drogen, vorehelicher Sex. Für einen ehemaligen Messdiener führte er ein ziemlich sündiges Dasein. »Was hat der für ein Problem?«, fragte er.
»Vielleicht hat er einfach Brand«, sagte ich. »Scheiß drauf, Meike. Der Spacko kann uns mal.«
»Der ist den Ärger nicht wert«, sagte Simon.
Meike zog die Nase hoch. »Voll nicht. Aber irgendwas ist schräg. So aufgedreht, wie der ist.«
Normalerweise erließ die Mertens Kunden keinen Groschen. Jetzt hingegen protestierte sie nicht, als Barlach, ohne zu zahlen, zur Telefonzelle hastete. Er quetschte sich hinein und riss die Tür zu. Er nahm den Hörer ab und hämmerte mit seinen Wurstfingern auf die Tasten ein.
Ich stupste Meike an. »Zieht euch das rein!«
Barlach presste sich den Hörer ans Ohr. Er sprach so laut, dass seine Stimme nach draußen drang, allerdings gedämpft. Seine Worte verstanden wir nicht. Ich behielt ihn im Auge, als ich geduckt zu seinem Fahrrad rannte und den Lenker packte.
»Nicht, David!«, sagte Simon. »Er ist wütend genug.«
Weil er oft auf seinen kleinen Bruder Flo aufpassen musste, übernahm Simon auch in unserer Clique wie selbstverständlich eine Art Aufsichtspflicht. Seine Warnungen hatten mich mehr als einmal vor Scherereien bewahrt. Jetzt hörte ich nicht auf ihn – oder meine Vernunft. Barlach hatte meine beste Freundin beleidigt. Meike war ebenfalls dafür, ihm eins auszuwischen, und Lars hielt sich aus solchen Sachen raus. Bloß die Mertens unterstützte Simon.
»Hey!« Sie reckte ihre Geiervisage aus dem Kioskfenster. »Schluss mit dem Unfug!«
Doch nicht mal die Verhinderung eines Waschmaschinendiebstahls hätte sie von ihrem Ventilator weg und hinaus in die sengende Hitze geholt. Natürlich hatte ich nicht vor, mir das Rad unter den Nagel zu reißen. Ich stemmte die Füße in den Boden, lehnte mich vor und manövrierte den Anhänger vor die Telefonzelle. Gerade rechtzeitig. Barlach hängte den
Hörer ein und wollte die Tür aufstoßen. Sie knallte gegen den Anhänger. Barlach prallte mit dem Bauch gegen die Scheibe und taumelte zurück.
»Was soll der Mist? Lass mich sofort raus, sonst ...!« »Setzt es was. Ist klar.« Meike lachte. Lars schüttelte schmunzelnd den Kopf. Nur Simon gab den Spielverderber. Manchmal glaubte ich, er sah in mir nichts weiter als einen Kindskopf, unreif wie sein achtjähriger Bruder.
»Das genügt, David.«
»Hör auf deinen Freund! Du handelst dir mächtigen Ärger ein, Junge.« Barlach hämmerte gegen die Tür. Seine Faust patschte schmierige Abdrücke auf das Glas. »Die Polizei ist unterwegs.«
Auf seine Drohung gab ich nichts. Er hätte sich blamiert, Anzeige zu erstatten, weil ein Teenager ihn in eine Telefonzelle gesperrt hatte. Wenn er mich erwischt hätte, wäre ich erledigt gewesen. Aber bevor sich die Mertens oder sonst wer seiner erbarmte, wären wir längst über alle Berge.
»Vorsicht, Herr Barlach!«, rief ich. »Das ist Beschädigung öffentlichen Eigentums.«
Meike und ich kriegten uns vor Lachen gar nicht mehr ein. Barlach tobte.
»Du kleiner Drecksack! Du hast ja keine Ahnung, was hier läuft.«
Von der Alsener Landstraße näherte sich Sirenengeheul. »Hörst du das?«, fragte Barlach. »Jetzt bist du geliefert.« Ein Polizeiwagen bog in die Endhaltestelle ein. Meike verstummte. Auch mir blieb das Gelächter im Hals stecken. Es war unwahrscheinlich, dass die Bullen heranbretterten, um einen übergewichtigen Trödelhändler aus einer Telefonzelle zu befreien. Trotzdem dachte ich im ersten Moment, sie kämen meinetwegen. Ärger mit den Behörden konnte ich mir nicht leisten. Mein Vater hätte mir den Arsch aufgerissen.
Hastig schob ich das Fahrrad weg. »Sorry, war nur ein Scherz.«
Barlach verließ sein Kurzzeit-Gefängnis. »Für deine Scherze wirst du mal richtig auf die Fresse kriegen.«
Offenbar hatte er nicht vor, das auf der Stelle persönlich zu erledigen. Zumindest nicht vor der Polizei. Eilig watschelte er auf den weiß-grünen Wagen zu, der mit schlitternden Reifen zum Stehen kam. Die Sirenen verstummten. Das Blaulicht kreiste weiter.
Ich zog mich zu Meike, Lars und Simon zurück. »Was geht jetzt?«
»Kein Peil, Alter.« Lars schnippte seine Kippe weg. Selbst er war nicht cool genug, um vor Polizisten zu rauchen.
»Bleib ruhig, David«, sagte Simon. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie wegen dir gekommen sind.«
Zwei Beamte stiegen aus, ein Mann und eine Frau. Sie setzten die grünen Mützen auf, die ihre Uniformen komplettierten, hellbraune Hosen und kurzärmlige beige Hemden. Der Mann war Meikes Vater. Meike hob die Hand. Kommissar Beck nickte mit leichtem Lächeln unter dem sauber gestutzten Schnurrbart. Dann wandte er sich Barlach zu, der auf ihn und seine Kollegin einredete.
Wir schnappten Satzfetzen auf. »Hinter dem Zaun ... Kühlschrank ... durch die Büsche …«
Immer wieder schauten Barlach und die Polizisten zum Grünen Hain. Um uns kümmerten sie sich nicht. Dennoch rechnete ich damit, dass Meikes Vater mir gleich eine Standpauke halten oder mich ins Auto verfrachten würde, um mich wegen Freiheitsberaubung auf die Wache zu bringen. Ich war überrascht, als die drei – die Polizisten vorn, Barlach hinten – in den Wagen stiegen. Mit Blaulicht, ohne Sirene, brausten sie den Heideweg hinab. An der nächsten Haltestelle stoppten sie. Sie stiegen aus, auf diese Entfernung nur noch winzige Figuren, und verschwanden im Waldstück neben den Gleisen.
Meikes Kiefer bearbeiteten den Kaugummi. »Meint ihr …?«
Uns allen ging das Gleiche durch den Kopf. »Muss nicht.« Ich kickte meinen Ball unter der Bank hervor und hob ihn auf. »Vielleicht hat wer was Gefährliches auf der Brache abgeladen.«
»Atommüll, oder was?«, fragte Meike. »Quatsch!«
Lars schob sich eine frische Kippe zwischen die Lippen. »Wen juckt’s? Wenn es was Wichtiges ist, steht es morgen in der Zeitung.«
So lange wollte ich nicht warten. »Frau Mertens«, rief ich zum Büdchen. »Was ist los? Bar... Herr Barlach hat es Ihnen erzählt, oder?«
»Das geht dich einen Dreck an«, keifte sie. »Dafür seid ihr zu jung.«
Von Neuem ertönten Sirenen. Zwei weitere Polizeiwagen ras- ten an uns vorbei und hielten neben dem ersten.
»Das kriegen wir auch so raus.« Meike hatte diesen Blick, mit dem sie das Kinoplakat eines Horrorfilms betrachtete, der einen besonders heftigen Thrill versprach. Gleichzeitig klang ihre Stimme belegt, als ahnte sie, dass dieser Streifen selbst für sie zu hardcore sein könnte.
Lars ließ sein Zippo aufschnappen und zündete die Kippe an. »Wie? Willst du rüberlatschen und fragen, was Sache ist?«
»Warum nicht?«
»Na, selbst wenn die ... was gefunden haben, werden die uns nichts stecken.«
Simon nestelte an seinem Shirtknopf. »Wir sollten uns raushalten, statt uns nach der Auseinandersetzung mit Barlach gleich noch mit der Polizei anzulegen.«
Meike ließ eine Kaugummiblase platzen.
»Was soll schiefgehen?« Sie trat einen Schritt vor. »Kommt ihr oder was?«
Die Gumminoppen des Basketballs fühlten sich an wie warme Gänsehaut. Das Summen der Oberleitungen, auf einmal ungeheuer laut, schien in meinen Eingeweiden zu vibrieren. Die Radiomusik klang verzerrt. Ich war nicht sicher, ob ich erfahren wollte, was vor sich ging. Gleichzeitig war mir klar, dass ich es erfahren musste.
Ich rückte meine Brille zurecht. »Packen wir’s.«
Lars stieß seufzend einen Schwall Rauch aus. »Bringt nichts, Alter. Aber okay, ich bin dabei.«
Dem Gruppendruck gab sogar Simon nach. Oder er wollte sicherstellen, dass wir nach meiner Aktion keinen weiteren Mist bauten. »Wenn ich euch absolut nicht davon abbringen kann. Nur fürs Protokoll: Das ist keine gute Idee.«
Die nächste Straßenbahn ratterte uns entgegen. Wir wanderten den Heideweg hinab auf die Polizeiwagen zu, ihre Blaulichter wie das flackernde Leuchten einer Jahrmarktsattraktion.
2 Heute
Willkommen zu Hause. Mit dem Ärmel meines Mantels reibe ich das beschlagene Straßenbahnfenster frei. Die Landschaft liegt in weißgrauer Starre. 25 Jahre habe ich es geschafft, dem Kaff fernzubleiben. Nun kehre ich ausgerechnet im Winter zurück, dem härtesten seit Langem. Das Scheppern und Klingeln, mit dem die Bahn in die Haltestelle einfährt, hört sich genauso an wie damals. Der Ruck, mit dem sie anhält, stößt mich gegen die Rückenlehne. Meine Reise hat mich erschöpft, Stunden in überheizten Waggons, hektischer Umstieg in einer fremden Stadt und Straßenbahnwechsel ab dem Hauptbahnhof Köln. Aber ich bleibe nicht aus Müdigkeit sitzen, sondern wegen des Schilds draußen, dem letzten von jenen, die ich von Station zu Station mit wachsender Anspannung gelesen habe. Weiße Buchstaben auf rotem Grund, die jetzt verkünden: Ich habe meinen Bestimmungsort erreicht.
Die Türen gleiten auseinander. Ein kalter Luftstoß treibt Pulverschnee in den Wagen. Niemand wartet neben den Schienen.
»Diese Fahrt endet hier. Wir möchten Sie bitten, auszusteigen.«
Die Durchsage gilt nur mir. Sonst hat keiner etwas an diesem Ort verloren. Oder jemanden. Der Fahrer, lang und hager, in dunkelblauer Uniform, verlässt seine Kabine und stakst den Gang zwischen leeren Sitzen hinab, in der Hand eine Thermoskanne, unter den Arm den Blitz geklemmt.
»Wir sind in Audorf«, sagt er. »Weiter geht’s nicht.« »Ich weiß.« Er lässt die Zeitung in seine Hand rutschen und wedelt damit zur Tür. »Na dann.«
Der eilig gebuchte ICE nach dem Telefonat. Die hastig gepackte Tasche. Der fluchtartige Aufbruch mitten in der Nacht. Die Sorge, die mich die ganze Reise über begleitet hat, die Angst, zu spät einzutreffen und zugleich die Hoffnung, wir würden auf halber Strecke liegen bleiben oder entgleisen. Meine Aufgabe ist nicht weniger dringlich geworden. Trotzdem kann ich mich jetzt, am Ziel, nicht dazu bringen, auszusteigen.
»Wenn Sie sitzen bleiben, fahren Sie in einer Viertelstunde wieder mit in die Stadt. Dafür brauchen Sie ein neues Ticket.«
Fast lache ich bei der Vorstellung, für ein paar Euro zu entkommen. Es gibt kein Zurück. Ich greife meine Tasche, zwinge mich, aufzustehen. »Schon gut. Ich muss hier raus.«
Verwundert schaut er auf mein Gepäck. Tagesausflügler besuchen Audorf nur im Sommer. Ein Tourist im Winter passt nicht ins Bild.
»Sind Sie wegen dieser Sache hergekommen?«, fragt er. »Wegen dem, was die gefunden haben?«
»Entschuldigung, ich weiß nicht ...«
Er schwenkt die Zeitung. Die Schlagzeile kann ich nicht entziffern.
»Es heißt, die erwarten Experten. Forensiker. Wie bei CSI.« Eben wollte er mich loswerden, jetzt versperrt er mir den Weg. Er beugt sich mit seinem langen Oberkörper zu mir hinab, obwohl niemand da ist, der uns belauschen könnte. »Gibt es was Neues, von dem die Presse noch keinen Wind gekriegt hat? Ich verrate es niemandem. Ehrenwort.«
Sein Atem riecht nach Mettbrötchen und Kaffee. Ich muss mich beherrschen, ihn nicht zurückzustoßen. »Hören Sie, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«
Er klopft mit der Zeitung gegen sein Bein. »Verstehe. Die Sache sorgt für genug Wirbel. Auf solche Storys sind die Leute wild. Sie wollen Ihren Besuch nicht an die große Glocke hängen.« Er zwinkert mir zu. »Keine Angst. Ich halte dicht.«
Ich will nicht aussteigen. Doch diese Unterhaltung treibt mich nach draußen. »Das weiß ich zu schätzen. Also dann.« Ich schiebe mich an ihm vorbei und eile zur Tür.
»Viel Erfolg!« Er winkt mir mit der Zeitung. »Ich werde ja bestimmt davon lesen.«
Ich steige aus in das trübe Winterlicht. Alles ist wie früher. Nichts ist wie früher. Der Kiosk steht an derselben Stelle, kein Büdchen mehr, sondern ein richtiger Laden, den die Kunden betreten können. Der Blitz-Kasten ist bestimmt erneuert worden. Er ist leer, gibt mir keinen Hinweis, was der Fahrer meinte. Der Zigarettenautomat könnte derselbe sein, aufgerüstet mit einer Vorrichtung zur Alterskontrolle. Die Telefonzelle wurde durch eine Metallsäule ersetzt. Die Bänke sind vielleicht dieselben, frisch lackiert. Statt des Fahrplankastens hängt über ihnen eine elektronische Anzeigetafel. Es ist, als hätte ich meine eigenen Erinnerungen betreten. Bloß hat sie jemand verändert, nicht so stark, dass sie mir nicht mehr vertraut vorkämen, aber stark genug, dass sie sich gleichzeitig fremd anfühlen.
Hinter mir schließen sich die Bahntüren. Scharfer Wind weht schneidend von den Feldern herüber, neben denen Zuckerrüben für den Abtransport angehäuft sind. Mit Planen bedeckt sehen sie aus wie weiße Dünen. Ich stelle meine Tasche ab, streife mir Handschuhe über und wickle meinen Schal um den Hals. Die Mütze habe ich in der Hektik zu Hause vergessen. Weißbrauner Matsch sammelt sich auf dem Bordstein. Die Luft riecht nach Neuschnee. Der Straßenbahnfahrer nickt mir zu, als er an mir vorbei in den Kiosk schreitet. Der junge Mann hinter dem Tresen füllt ihm die Thermoskanne mit Kaffee. Sie wechseln Worte, schauen aus dem Fenster zu mir, dem vermeintlichen Experten, der in seinem grauen Wollmantel neben der Bahn steht wie bestellt und nicht abgeholt. Ich könnte hineingehen und einen Kabänes verlangen. Zum Aufwärmen und für die Nerven. Der Verkäufer würde ihn mir nicht verweigern. Ich bin nicht mehr das schmale Bürschlein, an dem das Basketballtrikot schlottert. Die Brille ist geblieben, mit dünnerem Gestell. Das Gesicht, in dem sie sitzt, hat Krähenfüße um die Augen, Falten um Nase und Mund und einen grau melierten Bart. Ich könnte das Missverständnis aufklären, erzählen, dass ich von hier bin, Audorfer, und wie sonderbar es sich anfühlt, nach all der Zeit zurück zu sein. Ich könnte fragen, ob es noch Saure Zungen, Weiße Mäuse und Lakritzschnecken zu kaufen gibt.
Aber wozu? Ich bin nicht gekommen, um Freundschaften zu schließen und erst recht nicht, um die Vergangenheit auszugraben.
Ich bin hier, damit sie verschüttet bleibt.
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